Die Zwei für intelligente Bürogebäude

Ein Interview mit Thomas Kessler und Benedikt Köppel für das Bündner Tagblatt

Einst drückten sie dieselbe Schulbank, heute führen sie gemeinsam die Locatee AG: Die Jungunternehmer Thomas Kessler und Benedikt Köppel machen Bürogebäude von Grossfirmen intelligenter. Nun starten sie international durch.

Ganz so «romantisch» wie auf den ersten Blick vermutet, ist die Geschichte hinter dem Start-up Locatee nicht. Zwar kennen sich dessen Gründer, der Churer Thomas Kessler und der Trimmiser Benedikt Köppel, von ihrer gemeinsamen Schulzeit in der Bündner Kantonsschule in Chur, doch so wirklich beste Freunde waren sie damals nicht. «Wir haben uns gut verstanden, waren aber sehr unterschiedlich und hatten ganz andere Interessen», erzählt Thomas Kessler während eines Besuchs beim Jungunternehmen in Zürich. Die Interessen führten die beiden mittlerweile 30-Jährigen nach der Matura denn auch in andere Städte und andere Fachrichtungen. Kessler liess sich an der HSG in St. Gallen zum Betriebsökonomen ausbilden, Köppel studierte Elektrotechnik an der ETH in Zürich. Bis auf einzelne zufällige Begegnungen herrschte während der Studienzeit Funkstille zwischen den einstigen Klassenkameraden.

Optimierte Flächen, geringe Kosten

Zum eigentlichen Wiedersehen kam es im Dezember 2013. Im Churer Restaurant «Calanda» diskutierten Kessler und Köppel über Sinn und Unsinn von flexiblen Arbeitsplätzen – ein gerade bei Grossunternehmen beliebtes Konzept, bei dem Mitarbeitende keinen fix zugewiesenen Arbeitsplatz mehr haben, je nach Tätigkeit aber unterschiedliche Bereiche nutzen können. Die beiden Bündner, die sich zu jener Zeit in verschiedenen Banken mit diesem Konzept beschäftigten, fragten sich, wie Firmen damit ihre Büroflächen effizienter verwenden könnten. Aus dieser Idee heraus ist die Softwarelösung «Locatee Analytics» entstanden, mit der die Jungunternehmer und ihr heute achtköpfiges Team bei Grossfirmen analysieren, wie viele Arbeitnehmer wann und wo arbeiten, und wie Büroflächen entsprechend genutzt werden. «Einerseits geht es um Flächenoptimierung und Kosteneinsparung für Firmen, andererseits darum, die Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen», erklärt Kessler. Denn: Braucht ein Angestellter einen ruhigen Platz für konzentriertes Arbeiten oder ein Sitzungszimmer, kann ihm die Lösung von Locatee ebenso helfen, wie wenn er sich vor der Mittagspause fragt, wo Kollege X wohl gerade steckt. Letzteres funktioniere allerdings nur, sofern der Kollege auch gefunden werden wolle, betont Kessler.

Und weil die Software die Analysen auf Basis bereits bestehender Daten aus der IT-Infrastruktur des Kunden durchführt, ist es dem Start-up laut Köppel gelungen, eine Nische auf dem Markt zu besetzen. «Damit heben wir uns durch eine hohe Skalierbarkeit und Kosteneffizienz von der Konkurrenz ab, denn für unsere Lösung ist keine zusätzliche Infrastruktur wie beispielsweise ein Sensor notwendig», sagt der Mitbegründer, der für den technischen Bereich verantwortlich ist.

Weiter auf der Welle surfen

In der Schweiz, Deutschland und Skandinavien konnte das Start-up  bereits mehr als 15 Kunden von seiner Lösung überzeugen. Neben der ABB, der Schweizerischen Post und UPC zählt auch die Churer Firma Inventx AG zu den bekannten Kunden von Locatee. Mit Gregor Stücheli, dem CEO von Inventx, und Thomas Dübendorfer, dem ETH-Dozent und Start-up-Investor, können Kessler und Köppel zudem auf zwei erfahrene, bestens vernetzte Berater und Investoren zählen. Die Jungunternehmer nennen sie ihre «Business Angels». Die Entscheidung, bei der Finanzierung von Locatee externe Partner beizuziehen, sei nach der offiziellen Gründung des Start-ups im April 2015 schnell klar gewesen, erklärt Kessler. «Wir mussten unsere Lösung möglichst schnell auf den Markt bringen, sonst hätten wir die Welle verpasst.»

Wie es scheint, geht das «Surfen» auf der Welle weiter. Das von Locatee – übrigens ein Kofferwort aus «Location» (Ort) und «Employee» (Arbeitnehmer) – angestrebte Ziel sind die «Global 2000», die 2000 grössten Firmen weltweit. Kein Spaziergang also. «Es sind grosse Meilensteine, die vor uns liegen», weiss Köppel. Dies umso mehr, als sich auch die Lösung von Locatee weiterentwickelt. Ins Auge gefasst wurden «Smart Buildings», intelligente, in den Worten Kesslers «reaktionsfähige», Gebäude. «Wir statten die Bürogebäude mit einer Art Hirn aus», sagt er und lacht. Abhängig davon, wie viele Mitarbeitende sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Bürogebäude aufhalten, sollen etwa Heizung und Lüftung automatisch gesteuert werden. Ebenso können Reinigungskräfte die unterschiedlichen Flächen je nach Nutzung bedarfsgerecht reinigen.

Englisch, wohin das Ohr hört

Dass sich die beiden Bündner mit ihrem Team beruflich vorwiegend auf englischsprachigem Terrain bewegen, wird spätestens klar, wenn sie über ihre Tätigkeiten und ihre Zusammenarbeit sprechen. Dann nämlich fallen englische Begriffe am Laufmeter. Aber das gehört in der Start-up-Welt wohl dazu, wenn ehemalige Klassenkameraden von «Business Angels» umgeben «Smart Buildings» entwickeln und dabei die «Global 2000» anstreben.

 

Von: Michelle Russi, «Bündner Tagblatt»

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